Aus meiner Beratungspraxis IX

Teilzeitarbeit - nicht für Männer?

Noch immer ist die Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt. Ein Aspekt ist, dass nur wenige Männer Teilzeit arbeiten. Die von der KOF begleitete Analyse der Vorselektion auf einer Online-Arbeitsmarktplattform zeigt, dass dies unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass Männer, die eine Teilzeitstelle suchen, von Rekrutierenden benachteiligt werden.

stellensuchplattform

Auf Job-Room, der Online-Arbeitsmarktplattform des SECO, können registrierte Stellensuchende ihr (anonymisiertes) Profil aufschalten. Indem Rekrutierende sich durch die Profile klicken, finden Sie im besten Fall geeignete Fachleute für ihre offenen Stellen. In der Analyse wurden insgesamt mehr als 4 Mio. solche Profilaufrufe dokumentiert. Das erlaubte es, zu untersuchen, welche Charakteristika der Jobsuchenden die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie von Personalverantwortlichen kontaktiert werden, und welche Charakteristika ein Hindernis darstellen. Eines dieser Charakteristika ist der Wunsch nach Teilzeitarbeit. Welche Auswirkungen hat der Wunsch nach einem reduzierten Arbeitspensum auf die Chance, von Rekrutierenden kontaktiert zu werden?

aufschlussreiche ergebnisse

Es wurden Personen verglichen, die vom selben Personalverantwortlichen für die gleiche Stelle beurteilt wurden und abgesehen vom gewünschten Arbeitspensum und Geschlecht dieselben Charakteristika aufwiesen. Referenzkategorie waren Männer, die eine Vollzeitstelle suchen. Zum einen zeigte sich, dass der Wunsch nach Teilzeitarbeit sowohl für Männer als auch für Frauen ein Hindernis für eine Anstellung darstellt, wobei die Kontaktwahrscheinlichkeit abnimmt, je geringer das gewünschte Arbeitspensum ist. Zum anderen zeigte sich, dass ein Mann, der eine 90%-Anstellung sucht, eine um 16% geringere Kontaktwahrscheinlichkeit aufwies als ein Mann mit ansonsten identischen Merkmalen auf der Suche nach einer Vollzeitstelle. Bei Frauen ist der Nachteil weniger als halb so gross. Am grössten ist die Benachteiligung von Männern auf der Suche nach einer 50%- bis 59%-An-stellung. Ihre Wahrscheinlichkeit, kontaktiert zu werden, reduziert sich um ganze 28%. Dieser Effekt auf die Kontaktwahrscheinlichkeit ist deutlich grösser als der Effekt anderer Charakteristika wie Ausbildung oder Arbeitserfahrung.

traditionelle rollenbilder prägen die rekrutierung

Im Gegensatz zu einer teilzeitarbeitenden Frau widerspricht ein teilzeitarbeitender Mann dem traditionellen Rollenbild. Männer, die eine Teilzeitstelle anstreben, erscheinen Rekrutierenden offenbar als suspekt – und zwar bereits dann, wenn er ein 90%-Pensum sucht. Während bei den Frauen die Benachteiligung aufgrund eines Teilzeitwunsches kontinuierlich ansteigt, je geringer das gesuchte Pensum ist, konnte bei den Männern ein grosser Sprung in der Kontaktwahrscheinlichkeit zwischen denen, die eine Vollzeitstelle suchen, und denjenigen, die ein 90%-Pensum suchen, beobachtet werden. Auch dies spricht dafür, dass die Benachteiligung der Männer vor allem auf das Signal zurückzuführen ist, dass der Wunsch nach einer Teilzeitbeschäftigung aussendet, und weniger mit realen Schwierigkeiten bei der Integration von Teilzeitbeschäftigten in die Arbeitsabläufe zu tun hat.

Auswirkungen auf die laufbahngestaltung

Diese Erkenntnis führt in erster Linie dazu, dass Männer in einer Phase der beruflichen Neuorientierung noch geringere Anreize haben, das Arbeitspensum zu reduzieren. Es mag deshalb als sinnvoll erscheinen, sich für Vollzeitstellen zu bewerben und das Pensum später zu reduzieren. Mit Jahresarbeitszeit, Homeoffice und Workation haben sich unter dem Begriff "New Work" nämlich Möglichkeiten ergeben, die Arbeit sinnvoll und agil mit der Freizeit zu verbinden. Natürlich steht ihnen auch eine Bewerbung auf eine Stelle offen, die mit einem Teilpensum ausgeschrieben ist, sofern sie ihren Erwartungen entspricht. Nicht selten ist damit eine Einkommenseinbusse verbunden, die durch andere Werte wettgemacht werden muss und kann. Eine Laufbahnberatung kann dafür wertvolle Unterstützung bieten.


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